Für meine Eltern von Gasal Ahmad, Gisi, Mitglied der Seebrücke Aachen

Für meine Eltern „Darf ich dich fragen: Wo kommst du her? Also, so wirklich?“ Wie oft ich diese Frage gehört habe, zermürbt mich Da ich ahne, worauf du eigentlich hinaus willst Überkommt mich unwillkürlich ein Fremdheitsgefühl Aber weil du so nett gefragt hast, stehe ich dir gerne Frage und Antwort In der Hoffnung, dass ich hier zugehöre und vielleicht auch dort Zwischen Orient und Okzident ist mein Herz hin und her gerissen Während die Erinnerung an die Heimat der Eltern verblassen In der guten alten Zeit, damals, in Afghanistan/افغانستان Dort sind meine Eltern geboren Zwar in einer Monarchie, aber es ging einem el-humdil-Allah gut Es gab keinen Grund für verblendeten Hass und blanke Wut Wenn meine Eltern darüber sprechen, sind ihre Blicke ganz verklärt Nahezu verliebt, wie einen Schatz, den man schützt und ehrt Ein Bild, der so in der Vorstellung muss verharren Eine Erinnerung, die sie in ihren Herzen verwahren Dann werden ihre Blicke starr, Tränen fangen an zu rollen Wie die Panzer, die plötzlich Kommunismus einführen wollen Die eigenen Fahnen werden abgehangen, rote gehisst Erst wenn man etwas verloren hat, merkt man, wie sehr man es vermisst Es gab ein Putsch nach dem anderen, die Königsfamilie floh Wie wir wissen, alle Wege führen nach Rom Aber um das neue Gedankengut erfolgreich in Köpfe zu legen müssen einige von denen rollen, auch um Angst zu hegen

Für meine Eltern

 

„Darf ich dich fragen: Wo kommst du her? Also, so wirklich?“

Wie oft ich diese Frage gehört habe, zermürbt mich

Da ich ahne, worauf du eigentlich hinaus willst

Überkommt mich unwillkürlich ein Fremdheitsgefühl

 

Aber weil du so nett gefragt hast, stehe ich dir gerne Frage und Antwort

In der Hoffnung, dass ich hier zugehöre und vielleicht auch dort

Zwischen Orient und Okzident ist mein Herz hin und her gerissen

Während die Erinnerung an die Heimat der Eltern verblassen

 

In der guten alten Zeit, damals, in Afghanistan/افغانستان

Dort sind meine Eltern geboren

Zwar in einer Monarchie, aber es ging einem el-humdil-Allah gut

Es gab keinen Grund für verblendeten Hass und blanke Wut

 

Wenn meine Eltern darüber sprechen, sind ihre Blicke ganz verklärt

Nahezu verliebt, wie einen Schatz, den man schützt und ehrt

Ein Bild, der so in der Vorstellung muss verharren

Eine Erinnerung, die sie in ihren Herzen verwahren

 

Dann werden ihre Blicke starr, Tränen fangen an zu rollen

Wie die Panzer, die plötzlich Kommunismus einführen wollen

Die eigenen Fahnen werden abgehangen, rote gehisst

Erst wenn man etwas verloren hat, merkt man, wie sehr man es vermisst

 

Es gab ein Putsch nach dem anderen, die Königsfamilie floh

Wie wir wissen, alle Wege führen nach Rom

Aber um das neue Gedankengut erfolgreich in Köpfe zu legen

müssen einige von denen rollen, auch um Angst zu hegen

 

Nach der ersten, starren Ohnmacht haben sich auch meine Eltern gewehrt

Demonstriert, Flugblätter verteilt, sich mit Reden bewährt

Sie wurden geschnappt und sahen auch Gefängnisse von innen

Eine Erinnerung, die bleibt, prägt und nicht verrinnt

 

Aber zu allem Überfluss musste sich auch die USA einklinken

Schließlich war man geübt, sich irgendwo immer einzubinden

Wenn man es den „Kalten Krieg“ nennt, wirkt es so fern, als würde dieser nicht existieren

Während die eigenen Truppen in den fernen Ländern einmarschieren

 

Und da man ohnehin auf einem Vermögen saß

Als Meister der Ausbeutung, ohne Skrupel und Maß

Wurden Mujaheddin mit Geld und Waffen versorgt, wie eine List

Schließlich heißt es: Des einen Freiheitskämpfer ist des anderen Terrorist

 

Weitere Menschen mussten ihr Leben lassen

Immer mehr Panzer, die rollen in den eigenen Gassen

Wo ist das Land, das man einst Heimat nannte?

Wohin die Geborgenheit, die man als Zuhause kannte?

 

Blanke Angst um das eigene Leben - ein schier unvorstellbarer Gedanke

Die ersten Nachbarn, die fliehen, dann auch ferne Verwandte

Aber es ist doch unser Land, sagen ihre verwirrten Blicke

Zum Abschied nur ein kurzes Winken und Zunicken

 

Man sitzt mit seiner Familie und schmiedet die Pläne

Wer flieht wohin, raus aus dieser Quarantäne

Eine flüchtige Umarmung, ein Kuss auf den Kopf

Wein nicht, bitte, pass auf dich auf

 

Eine Geschichte für sich, die Wege, die sie nahmen

Diese würde Seiten füllen, ein ganzes Buch vereinnahmen

Mit Burkas auf Pferden und unter Planen in Autos verließen sie das Land,

das für sie war einst als Heimat bekannt

 

Mit geklauten Kalaschnikows und geschenkten Minen

Kämpften die BürgerInnen vor Ort zum Brechen und Biegen

Zeitgleich wurden in pakistanischen Schulen die wohl „einzige“ Auslegung des Qurans gelehrt

Für verblendete Analphabeten war dadurch eine andere Sicht komplett verwehrt

 

Nach und nach wurde das Land zurückgewonnen

Aber nicht das, das man als Heimat nannte, nein, das war zerronnen

Zwischen den Händen - und in den Köpfen herrschte ein verwirrter Zustand

Ein neues Zuhause wurde geschaffen, das einen verband

 

Wieder Panzer, die rollen, nur mit anderen Gesichtern

Welche bald das Land regieren sollten, als Henker und Richter

Von den Bildern des Kampfes jedoch völlig traumatisiert

von dem Hass gegen den Westen, der als das einzig Böse existiert

 

Eine Talibanherrschaft, ein unwirkliches Bild, dennoch schwer daran zu rütteln

Meine Eltern, die traurig und stumm ihre Köpfe schütteln

Während Frauen mit Burkas in Arenas für Ehebruch gesteinigt werden

harren mutige BürgerInnen aus und sammeln die Scherben

 

11.09.2001 – wie kann ein Datum eigentlich so eine Aussagekraft haben?

Nichtsdestotrotz, ganz klar, es sind die Männer um Osama bin Laden

Die nur so ein Leid verursachen können

und sitzen in der Hochburg der Taliban

 

Wieder Panzer, die rollen, wieder mit anderen Gesichtern

Zu Teilen auch bekannt aus anderen Geschichten

Dieses zwanghafte Bedürfnis, Demokratie in fernen Ländern einzutrichtern

Während man Pipelines verlegt und Bodenschätze sichert

 

Es ist schon fast eine Gabe, eine Infrastruktur aufzubauen

kombiniert mit der Abhängigkeit, worauf die Menschen vertrauen

Nicht so stabil, dass man ab hier selbst übernehmen könnte

Nicht so schwach, dass man sich endlich das ein oder andere gönnte

 

Aber ein Hoffnungsschimmer ist dennoch zu sehen

Wenn Frauen und Mädchen zur Schule und Uni gehen

Nicht gefangen in Burkas, sondern in freieren Hijabs

Wahlen waren möglich, RichterInnen realistische Jobs

 

Zwar gab es auch Anschläge, aber man war abgeklärt

Schließlich war Kabul der halbwegs sichere Ort, den man schützt und ehrt

Während BürgerInnen ihre Opiumfelder an die USA verpachten

Hört man endlich wieder Musik in Bazaren, lautes Menschenlachen

 

Auch wenn die Präsidenten bislang nur Marionetten waren

Konnte man sich dennoch zumindest einer gewissen Ruhe verwahren

Ein Alltag, der sich einstellt, eine Freiheit, der man sich gibt

Vielleicht kann man diese noch etwas genießen, zumindest noch ein kleines Stück

 

11.09.2021 – wieder ein Datum mit unfassbarer Aussagekraft

Eine plötzliche Erkenntnis des Westens, was man hier eigentlich macht

Nach zwanzig Jahren Besetzung packt einen also plötzlich die Ungeduld

Mitten in den Verhandlungen wird also alles nochmals aufgewühlt

 

Hals über Kopf, die Beine in der Hand

die Präsidentenfamilie floh, Ortskräfte verbannt

Die Taliban, eine unfassbar geduldige Gruppe,

Haben letztlich darauf gewartet, auf den Abzug der Truppen

 

Nach und nach wurde vermeintlich das Land zurückgewonnen

Aber nicht das, das man als Heimat nannte, das war zerronnen

Zwischen den Händen - und in den Köpfen herrschte ein verwirrter Zustand

Ein neues Zuhause wurde geschaffen, das einen verband

 

Wieder Panzer, die rollen, nur mit anderen Gesichtern

Welche wieder das Land regieren sollen, als Henker und Richter

Von den Bildern des Kampfes jedoch völlig traumatisiert

von dem Hass gegen den Westen, der als das einzig Böse existiert

 

Die eigenen Fahnen werden abgehangen, weiße gehisst

Erst wenn man etwas verloren hat, merkt man, wie sehr man es vermisst

Eine Talibanherrschaft, ein unwirkliches Bild, dennoch schwer daran zu rütteln

Wieder meine Eltern, die enttäuscht ihre Köpfe schütteln

 

Laute Schüsse in die Luft, „Allahu akbar“-Rufe, die verhallen

Während sich BürgerInnen verzweifelt an Flugzeuge festkrallen

Eine Generation, die nichts anders kannte als Krieg

Demgegenüber der Westen, der seine Schuld immer weiter wegschiebt

 

Hals über Kopf, die Beine in der Hand

scharen Menschen am Flughafen, geben ihre eigenen Kinder über Maschendrähte aus der Hand

Panzer und Tränen, die kommen und wieder rollen

Der Westen, der sagt: „2015 darf sich nicht wiederholen“

 

Wäre es nicht Realität, wäre es ein zynisches Schauspiel

Während für die einen das Leben am seidenen Faden hängt, ist es den anderen zu viel

Einfach mal in den Spiegel zu schauen und Farbe zu bekennen

Und sich nicht in das Blaming-Game zu verrennen

 

Blanke Angst um das eigene Leben - ein schier unvorstellbarer Gedanke

Aber, aber „2015 darf sich nicht wiederholen“ – ja, Herr Laschet, wir haben es verstanden

Wiederum: wie gelingen Abschiebungen so fix und unkompliziert

Während eine deutsche Maschine nur sieben Menschen einquartiert?

 

Ich kann nur den Kopf schütteln, deshalb sage ich es dir in meiner Muttersprache:

Das Grundgesetz ist als Gegenstück zur NS-Zeit geboren, nicht als Rache

Die Würde des Menschen ist unantastbar und kennt keine Grenzen

Ob es nun deutsche Ortskräfte sind oder afghanische Menschen

 

Deshalb fühle ich mich meinen Eltern gegenüber verpflichtet

Diesen Text für die Bundesregierung zu dichten:

Luftbrücke jetzt, alle gefährdeten Menschen retten

Danach können wir uns auch wieder in unsere geliebte Bürokratie einbetten

 

Als Teil der Seebrücke rufe ich: „leave no one behind“

Menschenwürde grenzenlos, Solidarität mit Afghanistan/افغانستان

Ich bin gerührt von eurer Aufmerksamkeit und es sind auch Tränen der Dankbarkeit, die rollen

Da wir nur ein Stückchen Menschlichkeit für alle wollen.

 

Dieser Text unterliegt urheberrechtlichem Schutz.

Wer das Werk oder Werkteile nutzen möchte, soll sich bitte an die Dichterin wenden.

 

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